Sehr geehrter Abgeordnete zum Österreichischen Nationalrat!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Ich möchte Sie mit diesem kurzen Brief in keiner Weise langweilen oder Sie von Ihrer Arbeit abhalten. Gerade in diesen äußerst schwierigen Zeiten ist Ihre volle Konzentration gefordert und vielleicht haben Sie auch gar nicht die Zeit, mein Schreiben zu lesen.

Dennoch: Der Wahlkampf hat begonnen! Überall liest man von „Duellen“, „Wahlkampfgegnern“ und einer „Wahlschlacht“. Trauriger könnten die Schlagzeilen gar nicht sein. Die Presse lebt davon, die Menschen jedoch wünschen sich Frieden.

Ich bin der Meinung, dass in der heutigen Zeit nur eine ernst gemeinte Kooperation zu einem
friedlichen Zusammenleben und einer sinnerfüllten Evolution führen kann. Uns sollte
bewusstwerden, dass keine Partei, kein Land und auch kein Kontinent auf dieser schönen Mutter Erde, allein existieren und allein Probleme lösen kann. Es bedarf der Zusammenarbeit. Wenn wir dies nicht tun, dann stehen wir vor einem Chaos, das uns überrollen wird und das Ende ist äußerst ungewiss.

Angesichts der weltweit prekären Situation erlaube ich mir, allen 183 Abgeordneten im Österreichischen Parlament ein Buch zu senden, das den Titel trägt: „Wege der Hoffnung“.
Beide Autoren (Edgar Morin und Stephane Hessel) sind leider schon verstorben. Sie haben aber Wege aufgezeigt, um die gegenwärtige Krise zu überwinden. „Global denken – lokal handeln“, so lautet ihr Motto.

Das Nachwort des Buches habe ich für Sie abgetippt. Sie finden es auf der Rückseite meines Schreibens an Sie.

Vielleicht finden Sie die Zeit und beantworten meinen Brief, nachdem Sie das Buch gelesen haben, es regt zum Nachdenken an. Ich freue mich über jede Antwort. Natürlich werden Ihre Antworten vertraulich behandelt, sie werden nicht an die Öffentlichkeit gelangen, außer Sie wünschen das.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Michael Ehrenberger

Die Erneuerung

Stephane Hessel und Edgar Morin Wege der Hoffnung, 2012, Seite 66-67

Wir wollen keine neue Partei gründen und uns auch keiner bestehenden anschließen. Aber wir streben eine Erneuerung aus den vier geistigen Quellen der Linken an: der freiheitlichen im Sinnen der Selbstbestimmung des Einzelnen; der sozialistischen im Sinne einer Gesellschaft der Gerechtigkeit; der kommunistischen im Sinne der Brüderlichkeit aller Menschen. Dazu der ökologischen im Sinne einer wechselseitigen förderliche Rückverbindung zur Natur – sagen wir ruhig: zu unserer Mutter Erde, mit unserer Sonne als Voraussetzung allen Lebens.

Das Potenzial unserer politischen Parteien ist erschöpft und sie sind unbeweglich geworden. Sie sollten bereit sein sich aufzulösen und ihre Bestandteile in eine Neubildung einbringen, die aus allen vier Quellen schöpft.

Wir haben keinen Pakt mit den bestehenden Parteien im Sinn. Wir wollen zur Bildung einer mächtigen Volksbewegung, zu einem Aufstand des Gewissens beitragen und, als dessen Folge, zu einer Politik die sich den Herausforderungen stellt.

Wir haben versucht diese Politik zu definieren. Sollte sie in Frankreich umgesetzt werden, könnte sie für Europa und für die ganze Welt als Nährboden einer Politik der Menschlichkeit beispielhaft werden.

Unsere Vorschläge erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie mögen ruhig kritisiert, ergänzt oder umgeschrieben werden. Eines aber steht für uns fest: Die Menschen brauchen jetzt eine neue Politik des Lebenswollens und Wiederlebens, die sie lähmender Gleichgültigkeit und Resignation entreißt. Diese Politik des Lebenswollens wird die Züge einer Politik des Wohlergehens annehmen, wie wir sie hier umrissen haben.

Leben wollen fördert Wohlergehen und umgekehrt. Beides zusammen eröffnet uns: Wege der Hoffnung.

Noch eine kurze Information für Sie:
Es gibt weltweit Initiativen, die die globale Zusammenarbeit fördern! Siehe:

www.simpol.org
http://www.simpol.org/index.php?id=230 (Ausgabe Österreich)
http://de.simpol.org/index.php?id=70  (Ausgabe Deutschland)

 

Ich denke, dass zukünftig nur mehr Politiker ernst genommen werden, die über die Parteigrenzen und den Landesgrenzen hinweg planen und auch handeln.

 

„Die Frage heute ist, wie man die Menschheit überreden kann, in ihr

eigenes Überleben einzuwilligen.“

Bertrand Russell (1872 -1970)